Was die Pfarrerin so macht

Pfarrkonferenz

Donnerstag, 18. Januar:

Im Kirchengemeindeamt habe ich Rechnungen abgegeben, Geld geholt und Personalangelegenheiten geregelt. Jetzt fahre ich in das Gemeindehaus der Erlöserkirche. Dort ist heute die Pfarrkonferenz. Pfarrkonferenzen finden alle ein bis zwei Monate statt. Sie sind Pflichtveranstaltungen für alle Pfarrerinnen und Pfarrer im Dekanat.

Ich bin eine der Ersten. Zögerlich tröpfeln andere ein. Ich verhelfe einem Kollegen vom anderen Ende des Dekanats zu einem Tee und frage ihn, was er in seiner Gemeinde mit dem Kleingeld macht, das im Gottesdienst gesammelt wird. Die Bank hat ja seit dem 1. Januar Gebühren für Kleingeldeinzahlungen eingeführt. Der Kollege sagt, er habe die Bank gewechselt. Wir müssen beide lachen. Eine Mitarbeiterin des Evangelischen Bildungswerks stellt sich dazu. Seit 28 Jahren arbeitet sie schon da, sagt sie. Für mich, die ich in 15 Jahren bereits auf vier verschiedenen Stellen war, klingt das unglaublich. Ein junger Kollege kommt zur Tür herein. Er ist neu in Erlangen, hat eine Assistenzstelle an der Uni und arbeitet nebenbei ehrenamtlich als Pfarrer. Er strahlt die Fröhlichkeit eines Berufsanfängers aus und bietet an, auch einmal auszuhelfen, wenn Not am Mann sei. Ich frage ihn, was er im August macht, denn da bin ich im Urlaub und brauche jemand, der in Frauenaurach und Kriegenbrunn die Gottesdienste hält. Da muss er erst mal den Kollegen der Gemeinde, der er zugeteilt ist, fragen, sagt er, weil der ja das Erst-Zugriffsrecht auf ihn hat. Plötzlich steht der Dekan neben uns. August-Vertretungen zu finden, ist schwierig, sage ich zum Dekan. Der meint, die Hauptsache sei, dass ich nicht wieder krank würde wie im letzten Sommer. Da hat er schon Recht, Gesundheit ist wichtig, aber das hilft mir nicht weiter mit der Misere, dass im August kaum Gottesdienstvertretungen aufzutreiben sind. Ich sehe den netten Kollegen aus der Nachbargemeinde und plaudere mit ihm über die ökumenische Bibelwoche, die dort stattgefunden hat. Über Chancen und Grenzen der Zusammenarbeit von Gemeinden kommen wir schnell auf die zu befürchtenden Stellenkürzungen zu sprechen. In Schleswig-Holstein, erzählt er, seien vor etwa 15 Jahren fünf Gemeinden zu einer Region zusammengefasst worden. Nach kurzer Zeit wurden sie damit beauftragt, zwei von den fünf Stellen zu streichen.

Der Dekan bittet um Ruhe. Ich schenke mir Kaffee nach und suche einen Platz an einem der Tische. Die Konferenz beginnt mit Informationen aus dem Dekanat und den Diensten und Werken. Im thematischen Teil geht es heute um psychische Krankheiten bei Jugendlichen. An den Tischen sollen wir uns darüber austauschen, was uns davon in unserem Beruf begegnet. Eine Kollegin berichtet von Essproblemen bei Konfirmandinnen, zwei erzählen von ihren Kindern und deren Freunden. Anschließend ist der Referent dran. Er ist Oberarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mich verblüfft vor allem sein Vortragsstil. Kein bisschen Fachchinesisch, dafür weiß er die Leute mit allerlei Kniffen rhetorischer Kunst bei Laune zu halten.

In der Kaffeepause tausche ich mich mit einem Kollegen über die bevorstehenden Kirchenvorstandswahlen aus und rede mit einer anderen über Urlaubsvertretungen. Anschließend haben sich die Reihen etwas gelichtet. Während der Referent dies und das erzählt, geht mir durch den Kopf, dass ich auf dem Heimweg noch Milch kaufen muss. Zum Abschluss spricht der Pfarrer der Erlöserkirche einen modernen Psalm. Wir räumen Gläser und Tassen zusammen und stellen sie auf den Servierwagen. Draußen ist es stockdunkel. Mit Mühe finde ich mein Auto. Es geht zurück in die normale Welt. Im Strom der Scheinwerferlichter fahre ich nach Hause.

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Traugespräch im Krankenhaus

Donnerstag, 11. Januar:

Zum heutigen Abendtermin kann ich zu Fuß gehen. Ich laufe am Grünen Markt vorbei, überquere auf der Flutbrücke den Wiesengrund, gehe steile Treppen hoch und sehe schon den Eingang des Fürther Klinikums. Dort winken die beiden mir zu. Sie steht, er sitzt in einem Rollstuhl.

Es ist das ungewöhnlichste Traugespräch, das ich je hatte. Knapp zwei Wochen vor der Trauung ist dem Bräutigam ein Gabelstapler auf den Fuß gefahren. Glück im Unglück: Es war „nur“ ein doppelter Schienbeinbruch. Die Notoperation verlief hervorragend. Die beiden jungen Leute beschlossen: Wir heiraten trotzdem.

Gemeinsam fahren wir mit dem Aufzug in den zweiten Stock. Der Aufenthaltsraum ist frei, und wir setzen uns an einen Tisch. Die Braut erzählt von den Hochzeitsvorbereitungen. Gerade kommt sie von der Floristin. Der Bräutigam berichtet von seinem Unfall. Er ist ihm noch lebhaft im Gedächtnis, ebenso wie die Operation, die er bewusst miterlebt hat, weil er nur eine Teilnarkose hatte. Danach hat er sofort Ausgang für die beiden Tage der standesamtlichen und der kirchlichen Hochzeit beantragt.

Wir sprechen über die Trauung. Vor einiger Zeit hatten die beiden eine katholische Trauung erlebt. Sie empfanden sie als sehr lang und traditionell und möchten ihre eigene kirchliche Hochzeit lockerer haben. Das ist kein Problem. Eine Trauung hängt nach evangelischem Verständnis – zumindest nach meinem – nicht an liturgischen Formen, sondern am Segen Gottes. Die beiden erzählen von ihrem bisherigen gemeinsamen Weg. Ich mache mir Notizen. Es gibt einiges zu lachen. Zwischendurch muss der Bräutigam seinen Fuß hochlegen, weil er wieder angeschwollen ist. Zuletzt füllen wir das Formular aus, das wir für die Eintragung ins Kirchenbuch brauchen.

Die beiden begleiten mich zum Ausgang. Wieder fahren wir mit dem Aufzug. Ich verabschiede mich und winke noch einmal zurück. Tapfere junge Leute sind das, denke ich mir. So wie sie diese Situation bewältigen, habe ich keine Zweifel an ihrer Zukunft.

 

Heiligabend

Sonntag, 24. Dezember:

Ich schlafe aus. Schlafen macht gesund, heißt es. Und das kann ich brauchen, denn just ein paar Tage vor Weihnachten hat mich eine Erkältung erwischt. Als ich aufwache, ist zumindest mein Kopf halbwegs klar und die Nase läuft nur noch sporadisch. Dafür habe ich Husten. Ich denke an die Gottesdienste am Abend und hoffe, dass meine Stimme durchhält. Gestern hat die Lektorin für Kriegenbrunn abgesagt. Ebenfalls krank. Also lese ich dort auch noch die Bibeltexte. Erst aber wird gefrühstückt.
Danach setze ich mich an meinen Computer, bringe die Lesungen in Form und drucke sie aus. Ich gehe die Christvesper noch einmal durch, kürze die Predigt etwas. Das kann so bleiben, beschließe ich. Die Predigt für die Christmette ist noch eine Baustelle. Ich stelle die Abschnitte um. Besser, aber noch nicht ganz gut. Mein Mann hat mittlerweile Weihnachtsmusik aufgelegt, die man in der ganzen Wohnung hört. Er will zumindest ein bisschen Weihnachtsstimmung haben, sagt er. Die Leiden eines Pfarrmanns, denke ich. Und setze mich nochmal an die Predigt für die Mette. Nach zwei Stunden beschließe ich, dass sie so bleiben kann. Ich drucke beide Gottesdienste aus, hefte sie in mein Ringbuch, dusche, packe den Talar ein, gehe die Christvesper erneut durch. Dann ist es schon Zeit loszugehen. Mein Mann ist heute Mesner, er muss frühzeitig da sein.

Vor der Frauenauracher Kirche erwartet uns eine Kinderwagenparade. Der Familiengottesdienst läuft noch. Eine Frau spaziert mit ihrem Kleinkind auf dem Arm vor der Tür herum und geht wieder in die Kirche. Wir warten. Dann öffnen sich die Türen und wir schauen in glückliche Gesichter. Ein Mann fotografiert zwei Mädchen mit Engelsflügeln. Jugendliche rollen Kabel zusammen. In der Sakristei herrscht fröhliches Gedränge. Menschen strömen hinaus und hinein. Alte Liedblätter werden eingesammelt, neue verteilt, die Bläser vom Posaunenchor hieven ihre Instrumente auf die Empore. Ich plausche mit meiner Kollegin. Die Kirche wird voll und voller. Der Lektor für Frauenaurach kommt gut gelaunt eine Viertelstunde vor Beginn, setzt sich mit seiner Familie in die erste Reihe und lotst Gottesdienstbesucher auf die letzten freien Plätze. Ich sichere mir einen Stuhl, verkrümele mich in die Sakristei und bete. Ich werde ruhig. Die Glocken läuten, der Posaunenchor spielt, und wir feiern Gottesdienst in der voll besetzten Kirche. Die Atmosphäre ist unglaublich, wenn Hunderte singen und das Vaterunser beten. Glücklich spreche ich den Segen und beeile mich, nach Kriegenbrunn zu kommen. Mein Mann fährt mich hin und dann wieder nach Frauenaurach zurück, um die Kirche aufzuräumen.

In Kriegenbrunn komme ich fast nicht in die Kirche hinein. Die Leute stehen im Mittelgang, sitzen im Chorgestühl, einer sogar hinter dem Christbaum. Frau Wittmann zählt. Es sind 127 da. Nach dem Gottesdienst stehen wir mit vielen anderen auf der Straße herum, hören den Männergesangverein und Kindergedichte und die fleißigen Posaunenbläser, die mittlerweile aus Frauenaurach eingetroffen sind.

Mein Mann und ich fahren nach Hause. Ich bin hungrig. Gott sei Dank hat er ans Essen gedacht. Wir schieben Pommes frites in den Ofen und legen zwei vorbereitete Cordon bleu in die Pfanne. Es schmeckt ausgezeichnet. Danach sind wir pappsatt. Mein Mann hält ein Nickerchen und ich gehe noch einmal die Christmette durch. Ich merke, dass das Anfangsgebet sehr ähnlich zu dem in der Christvesper ist, und tausche es aus.
Und schon müssen wir wieder los.

Die Christmette ist wie Entspannung am Abend. Es ist gut gefüllt, aber nicht übervoll. Viele vertraute Gesichter. Der Chor singt sehr schön. Die Gemeinde auch. Danach stoßen wir im Mesnerhaus mit einem Glas Sekt auf ein Chormitglied an, das am 25. Dezember Geburtstag hat.

Um 0.45 Uhr sind wir zuhause. Die Erkältung hatte ich zwischendurch vergessen, nun meldet sie sich wieder mit Hustenattacken. Aber ich bin glücklich.

Gemeindenetz

Dienstag, 19. Dezember:
Alle, die sich in der Gemeinde ehrenamtlich engagieren, bekommen eine Weihnachtskarte. Zumindest einen kleinen Dank für die viele Arbeit, ohne die es nicht gehen würde. Es sind an die 150: Konfiteamer und Gemeindebriefausträgerinnen, Posaunenchorbläser und viele viele mehr.

Die Karten sind gedruckt, unterschrieben und eingetütet. Jetzt trage ich sie aus. Zum einen will ich Porto sparen. Zum anderen liegt meine beste Freundin mit Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus und hat zu mir gesagt: Geh für mich spazieren. Das tue ich jetzt.

Zuerst kommt das Gebiet am Wagnersberg in Frauenaurach dran. Danach fahre ich nach Kriegenbrunn. Ich parke mein Auto am Friedhof, bin schon auf dem Weg zum Eginoplatz, da fällt mir auf, dass die Weihergärten dort weggehen. Da wohnt doch auch jemand. Spontan biege ich ab, gelange ins Neubaugebiet, das ich noch nie so richtig durchschaut habe. Immer wieder ist der Huthausplatz ausgeschildert, aber wo sind die 20er Nummer der Straße Sägersäcker? Und was heißt eigentlich Sägersäcker? Ich schlage mich durch, laufe den Huthausweg weiter. Nicht dass ich dort noch eine Karte einzwerfen hätte, aber es interessiert mich, wo er hinführt. Die Gasse wird schmal und schmaler, die Häuser immer älter, und plötzlich stehe ich in der Wallensteinstraße. Die kenne ich, aber wie komme ich weiter in die Kriegenbrunner Straße? Ich konsultiere zum ersten Mal mein Handy. Da läuft eine Frau aus dem Kirchenvorstand über die Straße. Sie kommt vom Friedhof, sagt sie. Mir ist schleierhaft, wie die kürzeste Verbindung zwischen Friedhof und Wallensteinstraße ist, aber sie kennt den kürzesten Weg zur Kriegenbrunner Straße, genau zu der Hausnummer, die ich suche. An Feldern entlang laufe ich weiter zur Römerreuthstraße. Als ich zum Eginoplatz gelange, ist es schon fast dunkel, aber ich habe auch nur noch vier Karten in der Hand. Ich finde das Haus eines Bläsers nicht. Er bekommt seinen Weihnachtsgruß per Post

Donnerstag, 21. Dezember:
Ich nutze die Mittagspause, um Frauenaurach besser kennenzulernen. Los geht es am Heerflecken, und das ist einfach, da stehen die Häuser nah beieinander, schön sortiert nach Hausnummern und die Straßen finden immer wieder zueinander. Anders ist es am Gaisbühl. An einem Weg sind rechts Häuser der Gaisbühlstraße, links Häuser der Lessingstraße, und überhaupt ist mir die Lessingstraßennummerierung schleierhaft, und gerade da habe ich vier Karten. Ich spaziere hin und her, bestaune die Neubauvillen, winke einer Mitarbeiterin des Familienfreizeitteams durchs Fenster zu. Nach einem Abstecher in die Karl-May-Straße und Umgebung habe ich nur noch vier Karten für das Gebiet rund ums Pfarrhaus. Die sind schnell verteilt. Am Ende des Aurachwegs rauche ich eine Zigarette mit Blick auf den Wiesengrund. Ich bin zufrieden. Sehr.

Hätten die Häuser unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Leuchtpunkte, es würde von oben ein wunderbares Bild geben, sinniere ich. Ein unregelmäßiges Netz, das das ganze Gemeindegebiet durchzieht.

Zusatzandacht


Sonntag, 10. Dezember:

Eigentlich wollte ich sie nicht. Wir haben Adventsgottesdienste, klassisch und für Familien, außerdem die Ruhepunkte in Kriegenbrunn und ein Konzert bei Kerzenschein. Wer braucht da noch eine Gospel-Andacht im Advent?

Aber der Chorleiter der Gospel Hearts unserer Nachbargemeinde in Herzogenaurach hatte so nett gefragt. Er hatte mir im Sommer aus der Patsche geholfen. Als sich partout kein Organist finden wollte, war er eingesprungen. Also wollte ich keine Spielverderberin sein. „Ich weiß nicht, wieviele kommen werden“, hatte ich ihm schwach entgegengehalten. „Ein paar auf jeden Fall aus Herzogenaurach“, hatte er optimistisch entgegnet.

Dann kam der Schnee am Sonntagnachmittag. Die Straßen waren glitschig. Noch ein paar Besucherinnen weniger, dachte ich mir, als ich mein Auto parkte. Der Chor probte in der Kirche. Ich plauderte mit dem Mesner und mit anderen, stand unschlüssig in der Sakristei herum, sprach mit dem Chorleiter den Ablauf durch, zog meinen Talar an, suchte einen Sitzplatz. Manche Besucher hatten sich in die vorderen Reihen gesetzt. Das wünscht man sich manchmal bei Gottesdiensten, aber jetzt war es ungünstig, denn dort sollte eigentlich der Chor sitzen. Während ich noch über eine Lösung des Problems nachdachte, lotste der Chorleiter die Sängerinnen und Sänger einfach in die hinteren Reihen.

Die Glocken läuteten, der Chor kam nach vorn und sang das erste Lied. Es war heiter und gefühlvoll. Als ich die Begrüßung sprach, merkte ich mit Erstaunen, dass das Kirchenschiff sehr gut gefüllt war.
Chorlied, Gebet, Chorlied, Ansprache. Beim Gemeindelied ging der Chorleiter auf die Empore und spielte Orgel. Chormitglieder sprachen ein Fürbittengebet und alle stimmten ein ins Vaterunser. Segen, Schlusslied. Und langanhaltender Applaus. Als ich durch den Mittelgang nach draußen ging, hatte ich das Gefühl, die Leute würden am liebsten sitzen bleiben. Dann folgten sie mir doch, viele bekannte Gesichter aus meiner Gemeinde, alle gut gelaunt. Sie lobten Musik und Ansprache, und die Sängerinnen und Sänger aus der Nachbargemeinde bewunderten die gute Akustik in unserer Kirche.
Gut, dass ich mich darauf eingelassen hatte.