Winterbesuch

Donnerstag, 30. November:

Ich habe eine Frau besucht, deren Mann ich vor etlichen Monaten beerdigt habe. Schön war es. Und es geht mir nach, was ich gehört habe. Trotzdem: Der Vormittag ist nicht zu Ende. Nach einem Zwischenstopp im Pfarramt will ich noch zu einer anderen Frau. Sie hat Geburtstag.

Es hat zu schneien begonnen. Ich stelle mein Auto an der Straße ab. Die Jubilarin öffnet mir selbst und bittet mich herein. Fröhliche Menschen sitzen an einem Tisch. Sie sind miteinander in die Schule gegangen, erzählen sie mir, und jetzt sind sie einander Nachbarin und Nachbar. Seit langem. Ich merke, wie vertraut sie miteinander sind. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, reden über Falten und Nasen und über ihre Streiche als Schulkinder, nippen nebenher an Eierlikör und Saftschorle und stören sich kein bisschen daran, dass ich da bin. Ich fühle mich wohl. Mein Blick geht durch das Fenster, wo die Schneeflocken dicker und dicker werden. Bald wird man sich kaum mehr sehen in der Nachbarschaft, sagen sie. Im Sommer begegnen sie sich so oft, aber im Winter sind alle in ihren Häusern, wie im Winterschlaf, und manchmal muss man bei einer klingeln, um zu sehen, ob sie noch da ist. So ist das, denke ich, während ich meine Jacke anziehe und hinaus ins Schneegestöber gehe. Manchmal muss man klingeln. Schön, wenn jemand aufmacht.

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