Kino

Montag, 13. November:
Die Kirche ist dunkel. Zwei Frauen stehen auf der Straße und sehen zu ihr hin. Ich frage sie, ob ich ihnen helfen kann. Sie suchen das Kino, sagen sie. Und es soll irgendwo hier sein, neben dem Friedhof, aber wo ist hier ein Friedhof? Da kann ich weiterhelfen. Denn wir haben heute Abend das gleiche Ziel. Es ist Frauenfilmabend im Mesnerhaus, und als ich mit meinen Begleiterinnen dort ankomme, herrscht schon ein munteres Treiben. Frauen begrüßen sich am Eingang. Vor der Garderobe ziehen drei gleichzeitig ihre Jacken aus. Im Saal ist alles vorbereitet. Beamer und Lautsprecher und Leinwand, Stühle in Reihen mit Mittelgang. Eine Teamfrau freut sich über meine kleine Spende, eine andere gibt mir ein Glas Sekt und ich ihr im Austausch die Arbeitshilfe für Adventsandachten. Ich kann nicht widerstehen und esse einen Mini-Muffin, marmoriert ist er und lecker, und währenddessen treffen weitere Frauen ein, mehr und immer mehr, manche kenne ich, etliche auch nicht, aber offensichtlich fühlen sich alle wohl, die Alten und die Neuen, der Raum wird zum Partyraum und dann zum Wohnzimmer, als alle ihre Plätze gefunden haben und kein Stuhl mehr frei ist.
Die dritte Teamfrau erzählt von zehn Jahren Frauenfilmabend, wie sie mit zwei anderen 2006 den Kulturführerschein gemacht hat und danach der Entschluss fiel: Wir machen Kino. Wie sie fast überrannt wurden von 60 Frauen am ersten Abend, welche Filme die größte Resonanz fanden und dass der am schlechtesten besuchte Film einer über Martin Luther war. Dann kündigt sie den Film „Ein Mann namens Ove“ an, den wir heute sehen. Das Licht geht aus, wir stellen die Sektgläser auf den Boden und schauen auf die Leinwand. Es ist ein schöner Film, gut ausgesucht für diesen Abend, er erzählt von Liebe und Schmerz, von Einsamkeit und Freundschaft, von Auferstehung mitten im Leben.
Als das Licht wieder angeht, nehmen alle ihren Stuhl. Vor den Stapeln in der Ecke bildet sich ein Knäuel, Gemeinschaft noch für ein paar Augenblicke. Verabredungen werden getroffen. Wenn du mich im Auto mitnimmst, helfe ich noch beim Abspülen. Und nächstes Mal sehen wir uns wieder, im Januar, wenn ein neues Jahr da ist, aber das Frauenkino, das bleibt, auch im elften Jahr seines Bestehens, im Mesnerhaus, neben dem Friedhof.

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