Beerdigungsgespräche

Irgendwann im Oktober 2017:
Zwei Frauen sind gestorben. Die eine lebte nur kurz in meinem Gemeindegebiet, ein knappes Jahr am Ende ihres Lebens. Die andere wohnte ihr ganzes Leben da. Und ich erlebe zwei Beerdigungsgespräche, die unterschiedlicher nicht sein können.

Am Freitagnachmittag bin ich in einem Ort außerhalb meiner Gemeinde. Dort wohnt eine Tochter der ersten Verstorbenen. Ich kämpfe mich durch den Stau auf der Autobahn, biege falsch ab, finde schließlich die richtige Straße, klingele versehentlich bei der Nachbarin und bin mit einer guten Viertelstunde Verspätung endlich am Ziel. Die anderen waren auch im Stau, sagt die Frau, die mir die Tür öffnet.
Im Esszimmer erwarten mich alle vier Kinder der Verstorbenen. Sie kommen nicht mehr oft zusammen, sagen sie. Aber der Tod der Mutter hat sie wieder unter ein Dach gebracht. Sie erzählen ihre Erinnerungen, es sprudelt aus ihnen heraus, sie lachen und werden ernst, hören sich aufmerksam zu, unterbrechen sich. Der jüngste Sohn mahnt immer wieder dazu, die Chronologie einzuhalten. Das ist doch jetzt noch nicht dran, ruft er, ihr bringt die arme Pfarrerin ganz durcheinander. Aber sie lassen sich nicht bremsen, nicht an diesem Nachmittag, an dem sie wieder an einem Tisch sitzen, sich gegenseitig ihre Kindheit erzählen, eintauchen in die Vergangenheit, wieder eine Familie sind, streiten und sich versöhnen, und die Mutter mitten unter ihnen.
Drei Stunden bin ich bei ihnen, lang wie sonst nie bei einem Beerdigungsgespräch. Aber was war das auch für eine Energie im Raum!

Vier Tage später ist das nächste Beerdigungsgespräch. Diesmal in meinem Amtszimmer. Die Verstorbene hatte keine näheren Angehörigen mehr. Ich rede mit einer entfernten Verwandten, die in den letzten Jahren die Betreuung der Frau übernommen hatte. Sie ist nett und bemüht sich, ein paar Dinge aus dem Leben der Verstorbenen zusammenzutragen. Aber die Frau hatte kaum über ihre Kindheit und Jugend, auch nicht über ihr Erwachsenenleben gesprochen. Nach einer Dreiviertelstunde ist alles gesagt, und wir verabschieden uns voneinander.

Zwei Frauen, zwei Leben, zweierlei Arten von Erinnerung. Und doch waren beide Frauen Gottes Kinder, unsere Schwestern in Christus. Und jetzt ruhen beide in Gottes Hand.

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