Vergissmichnicht

Donnerstag, 18. Mai:
Drei Jubilaren habe ich heute zum Geburtstag gratuliert. Der dritte Besuch führt mich am Nachmittag nach Möhrendorf in die Wohngemeinschaft Vergissmichnicht. Dort leben Menschen, die an Demenz erkrankt sind, unter anderem eines unserer Gemeindeglieder.

Ich parke mein Auto. Vier Frauen laufen an mir vorbei. Die letzte lächelt mich an und sagt: Sie sind die Frau Pfarrer.
Und Sie sind die Gitarrengruppe, sage ich. Das war leicht zu erkennen an den Gitarrenkoffern. Wir sind uns schon bei zwei Weihnachtsfeiern begegnet.

Gemeinsam gehen wir zur Wohngruppe in den ersten Stock, öffnen die Tür und stehen in einem großen schönen Raum, Küche, Esszimmer und Wohnzimmer in einem, bunt und hell.
Die Balkontüren stehen offen und lassen Vogelgezwitscher herein. Ich gratuliere dem Jubilar und staune, wie normal hier alles ist. Die einen essen Kuchen, die anderen schenken Kaffee aus. Manche unterhalten sich, manche murmeln vor sich hin. Bis zum Schluss bin ich mir nicht bei allen sicher, ob sie hier wohnen, Angehörige sind oder Personal. Sie sind eine Familie. Und ich darf heute Nachmittag dabei sein.

Die Tochter des Jubilars stellt einen Teller mit Kuchen vor mich, und als würde sie meine Gedanken erraten, die etwas mit der Waage in meinem Badezimmer zu tun haben, sagt sie: Da müssen Sie jetzt durch. Ich lasse mir eine Tasse Kaffee geben und esse den selbstgebackenen Birnenkuchen. Gut ist er schon. Der Jubilar isst auch gerade sein zweites Stück. Dann müht er sich etwas mit dem Briefumschlag ab, in dem meine Geburtstagskarte ist. Er bekommt ihn auf, klappt die Karte auf, und murmelt, als würde er die Sätze vor sich hin lesen. Er liest eigentlich nicht mehr, sagt seine Tochter. Aber irgendwie will er sich der Karte widmen. Ich bin gerührt.

Die Gitarrengruppe bringt sich in Position und lässt Gehefte mit Liedern austeilen. Wir singen „Zum Geburtstag viel Glück“, „Auf, du junger Wandersmann“, „Alle Vöglein sind schon da“ und zum Schluss den Schneewalzer. Ein Lied sollen wir auswendig singen. Ich sehe die Tochter des Jubilars an und wir zucken beide mit den Schultern. Wir kennen es nicht. Die älteren Leute, die so viel vergessen haben, singen dagegen mit. Eine Frau im Rollstuhl, die unermüdlich die gleichen drei Worte wiederholt hat, ist plötzlich ruhig und offensichtlich ganz Ohr. Sie singt mit dem Herzen, sagt mein Nachbar.

Als ich mich verabschiede, hält der Jubilar meine Hand ganz fest. Er will mit Ihnen gehen, sagt die Tochter. Wir sehen uns in der Kirche, sage ich. Aber das Geburtstagskind will sofort in die Kirche. Wie nett! Mit Hilfe der Tochter bekommen wir einen halbwegs ordentlichen Abschied hin. Unten auf der Straße höre ich, wie sie oben noch einmal singen: „Zum Geburtstag viel Glück“.

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