Am äußersten Meer

20170630_084208(1)Dienstag – Freitag, 27. – 30. Juni:

Gerade noch im Traugespräch, liege ich eine halbe Stunde später mit 40 Grad Fieber im Bett. Schlafen will ich. Nichts als schlafen. Ein ganzer Tag zieht vorüber. 2.27, 9.35, 14.08 Uhr. Die Zahlen auf meinem Wecker haben keine Bedeutung mehr. Der Rhythmus von Tag und Nacht hat sich aufgelöst. Die Welt ist verschwunden, ich in der tiefsten Wüste oder am äußersten Meer, auf jeden Fall fern von allem Leben. Am Abend fährt mich mein Mann ins Krankenhaus. Ich werde an den Tropf gehängt und schlafe weiter. Irgendwann fragt mich eine Frau mit lauter Stimme und russischem Akzent: „Tee oder Kaffee?“ „Kaffee“, sage ich automatisch und geraume Zeit später kommt das Frühstück. Es folgen Zimmerreinigung, Pflegekräfte, Visite, Blutabnahme, mein Mann, Mittagessen, immer neue Flaschen und Beutel am Tropf, Nachmittagsvisite, eine Frau von der Verwaltung, Abendessen, die Nachtschwester. Alle ziehen sie an mir vorbei, sind real und gleichzeitig nebensächlich, denn ich bin in einer eigenen Welt.

Am nächsten Tag hat das Antibiotikum seine Wirkung getan. Das Fieber ist weg. Ich werde vom Tropf abgehängt, darf duschen. Ob ich mir ein bisschen die Beine vertreten dürfe, frage ich die Schwester. „Natürlich“, sagte sie. Und ich laufe zwischen Klinikgebäuden in den leeren Schlossgarten, stehe minutenlang vor dem Reiterstandbild, kann mich kaum lösen von den Figuren zu Füßen von Christian Ernst. Gezeichnet von der Zeit sind sie, die Gesichter verwittert, Moos über ihren Füßen, aber sie haben standgehalten und sind mir in dem Moment näher als die Menschen in der Klinik mit ihren Schrubbern und Kaffeekannen und Schreibblöcken.

Am Nachmittag werde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Es geht zurück ins Leben. Autos und Straßen, ein kleiner Stau auf der A73. Die Uhrzeit spielt wieder eine Rolle und mein Mann ist wieder mein Partner.

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten, heißt es in Psalm 139. Ich habe es erlebt.

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