Zwischen Tod und Leben

Dienstag, 11. April:

Es sind Ferien. Ich bin nicht, wie sonst dienstags, um kurz vor 6 aufgestanden, sondern erst um halb 8. Das ist sehr angenehm. Der Vormittag liegt vor mir, schulfrei und terminfrei. Der Schreibtisch ist dagegen übervoll. Beerdigungsagende und ein Buch mit Kasualgebeten, Bibel und Gesangbuch und jede Menge Zettel umzingeln mein Laptop. Womit fange ich an?

Ich entscheide mich für die Osterpredigt. Denn die habe ich den Kolleginnen in Wittenberg für das evangelische Predigt-Internetportal versprochen. Die muss heute fertig werden. Und noch ist mein Kopf frisch. Den Anfang habe ich schon letzte Woche geschrieben: die Frauen am Grab. Der zweite Abschnitt mit dem Engel, der den Stein wegrollt, entsteht schnell. Jetzt ist die Osterbotschaft dran: Jesus ist auferstanden. Ich gerate ins Stocken. Also schreibe ich erst mal den Predigtschluss. Dann fällt mir endgültig nichts mehr ein. Ich lege die Predigt beiseite. Womit mache ich weiter?
Die Beerdigung für heute ist fertig, also nehme ich mir die Beerdigung für morgen vor. Viel Trauer ist da um einen zu früh gestorbenen Mann. Und viel Liebe. Ich überarbeite die halbfertige Ansprache, die ich gestern Abend nach der Gemeindefestvorbesprechung geschrieben habe, finde einen Schluss.

Der Kirchenchorleiter ruft an. Er braucht schnell den Ablauf für den Karfreitagsgottesdienst in Frauenaurach, weil da der Chor singt. Also lege ich die Beerdigung beiseite und widme mich dem Karfreitag. Die Lieder im Gesangbuch singen von Blut und Wunden, vom Gehorsam am Kreuz, von unseren Sünden. Ich suche nach halbwegs gängigen Melodien und grüble, wie ich die Chorlieder stimmig unterbringe. Nach einer intensiven Dreiviertelstunde bin ich fertig und muss auch schon los.
Beerdigt wird eine 91-jährige Frau, die an Altersschwäche gestorben ist. Dankbar denken wir an ihr Leben, geben sie zurück in Gottes Erde und in Gottes Hände. Danach erinnern wir uns im Sportheim bei Kaffee und Kuchen an sie und reden über Leiden und Sterben und Leben.

Um halb 5 bin ich wieder zuhause. Mein Mann kocht Käsespätzle. Wir essen gemeinsam. Danach setze ich mich an den Gottesdienst zur Todesstunde Jesu in Kriegenbrunn. Wieder gehe ich Passionslieder und Texte durch, und diesmal geht es mir schwer von der Hand. Fast zwei Stunden brauche ich, um einen halbwegs stimmigen Ablauf zu finden.

Ich lese noch einmal die Ansprache für die Beerdigung morgen durch und entwerfe die Liturgie. Mittlerweile ist es 9 Uhr abends. Mit meinem Mann gehe ich eine Runde spazieren. Es ist kühl, aber die Bewegung tut gut. Und ich kann es kaum glauben, dass da Leute in den Kneipen und Cafés sitzen, denn in meinem Herzen ist Karfreitag und Trauer.

Gegen 10 setze ich mich wieder an die Osterpredigt. Auferstehung und Leben. Hummeln und Amseln und sonnenwarme Pflastersteine. Gott sei Dank endet der Tag damit. Kurz nach Mitternacht bin ich fertig.

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